Wulffs Gnadengesuch

Je länger ich mir das Wulff-Interview angesehen habe, desto länger wurde mein Gesicht. Maximallänge hatte es dann bei diesem Satz erreicht:

„Es gibt auch Menschenrechte – selbst für Bundespräsidenten.“

Oh bitte. Musste das sein?

Hat das irgend jemand in den vergangenen Wochen in Abrede gestellt? Hat sich irgend ein Politiker oder sonst jemand hingestellt und gefordert, dem Präsidenten sofort die Menschenrechte zu entziehen? Hat ihm jemand das Recht auf körperliche Unversehrtheit streitig gemacht oder das Recht auf Bildung (bei einigen seiner Sätze scheint das zumindest nicht ganz unplausibel). Nein, nicht einmal CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt oder sein Parteikollege, der sogenannte Innenexperte Hans-Peter Uhl, die sich sonst für keine abwegige Forderung zu schade sind. Liebe Bettina Schausten, lieber Ulrich Deppendorf: Man hätte an der Stelle ja mal nachhaken können, inwiefern das Anlügen des niedersächsischen Landtags oder das Unterdrücken von Berichterstattung ein Menschenrecht sind.

Aber nein, das hat Wulff ja gar nicht getan. Sagt er. Und dann sagt er noch so einiges mehr, was ein wenig zweifelhaft daherkommt. Ich unterstelle mal, dass Wulff bei vollem geistigen Bewusstsein war, als er diese Sätze daher sprach, deswegen kann er im Leben nicht damit gerechnet haben, dass er mit einem seinem Stuss durchkommt bei Menschen, die halbwegs informiert über die ganze Geschichte sind. Er wollte die Berichterstattung nicht verhindern, sondern nur um einen Tag aufschieben, um Stellung nehmen zu können? Dabei hatte die Bild ihren Bericht schon von einem Montag auf einen Dienstag geschoben, um genau das zu ermöglichen. Wulff bzw. sein Pressesprecher hatte einen Fragenkatalog bekommen, der auch beantwortet wurde. Kurz vor Redaktionsschluss zog das Präsidialamt dann die Antworten zurück, wenig später kam dann der Anruf auf Diekmanns Handy. Eine Bitte um Verschiebung hätte man nicht einfacher haben können? Und dann musste man noch Verlagschef Döpfner und Großaktionärin Springer anrufen?

Oder noch besser: Er habe doch nur gewollt, dass die Bild auch schreibt, er habe den Kredit bekannt gegeben und das sei nicht durch Presserecherchen bekannt geworden. Ah ja. Mussten die Journalisten die Einsicht ins Grundbuch deswegen gerichtlich erstreiten? Wenn er wirklich den unbändigen Drang verspürte, die Geschichte öffentlich zu machen, hätte es sein Pressesprecher bestimmt hinbekommen, nach den ersten Journalistenanfragen (oder gerne auch davor) eine Pressekonferenz zu organisieren oder zumindest eine Pressemitteilung zu schreiben, in der alles drinsteht. Oder allerspätestens am 17.08.2011, als der Bundesgerichtshof entschied, dass dem Spiegel Einsicht ins Grundbuch zu Wulffs Grundstück  zu gewähren sei. Und niemand hätte ihm die Würmer nach und nach aus der Nase ziehen müssen.

Aber nein, halt, das scheibchenweise Herausrücken der Wahrheit, immer einen Schritt hinter den Presseveröffentlichungen, lag ja gar nicht an Wulff. Sondern an den blöden Medien, die fieserweise nur scheibchenweise gefragt haben. Oder am niedersächsischen Landtag, der zu ungenau gefragt hat. Er selbst wollte doch eigentlich von Anfang an raus mit der Wahrheit, es hat ihn nur keiner gefragt.

Wulffs Einlassungen decken sich nicht mit den bekannten Fakten und der Chronologie der Ereignisse bisher, um es mal vorsichtig auszudrücken. Deswegen kann er nicht ernsthaft geglaubt haben, damit bei den Hauptstadtjournalisten durchzukommen. Ist er auch nicht, wie das verheerende Presseecho zeigt. Aber ich unterstelle dem Präsidenten, dass das gar nicht das Ziel war. Er hat nicht zu den Journalisten gesprochen, sondern zu den Leuten zu Hause vor den Bildschirmen. Zu Hinz und Kunz, Andreas und Susanne, John Doe, Max Mustermann und wie sie alle heißen. Deswegen hat er sich ja auch nicht der Bundespressekonferenz mit allen dort akkreditierten Hauptstadtjournalisten gestellt, sondern sich auf ein kurzes Interview von 20 Minuten eingelassen, in das nur wenige Fragen passen und kaum Raum zum Nachfragen und Nachhaken bleibt. Die Journalisten kann er eh nicht mehr überzeugen, deswegen will er den Rest der Bevölkerung für sich einnehmen und hofft, dass diese einfach irgendwann das Interesse an der Geschichte verlieren. Er hat auf seine (bisher) große Beliebtheit gesetzt, wollte es ein bisschen menscheln lassen und sich zumindest teilweise zum Opfer der fiesen Pressemeute stilisieren, die ihm armen Menschen, der doch an vier Tagen in fünf Ländern zehn Termine am Tag hatte und dann ganz gemeine Fragen über sein Privatleben beantworten musste (Zur Erinnerung: Es ging um einen Hauskredit. Fragen zu seinem wirklichen Privatleben konnten bisher nie aufkommen, weil Wulff alles von Trennung über neue Frau bis Baby selbstständig in die Bild-Redaktion getragen hat). Er hat mit staatstragender Miene um Gnade gewinselt.

Und diese Strategie könnte sogar aufgehen. In diversen Foren schlugen gestern nach dem Interview Leser auf, die meinten, jetzt müsse auch mal gut sein mit der Hetzjagd, er habe sich doch entschuldigt, niemand sei perfekt, man wolle doch keinen Heiligen als Bundespräsident, andere Länder lachen sich doch kaputt über die Affären, die unsere armen Politiker zu erleiden haben blablabla. Natürlich regt sich in anderen Ländern niemand über derartige Geschichten auf. Aber sollten wirklich Italien, Griechenland oder Nicaragua unsere Vorbilder sein, wenn es um politische Hygiene geht? Auch Wulffs Parteifreunde meinen schon wieder, dass jetzt aber gut ist, weil man doch das Amt des Bundespräsidenten nicht durch die ständige Kritik beschädigen dürfe. Bitte? Wer beschädigt denn das Amt? Wie bitte? Die Berichterstatter und Kritiker beschädigen das Amt? Nach genau dieser Logik wurden früher die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft?

„Ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo man sich von Freunden kein Geld leihen kann“, hat Wulff gestern gesagt. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem der Präsident zur besten Sendezeit im Fernsehen solchen Stuss redet. Und auch noch damit durchkommt.

P.S.: Weil ich auch mal ein wenig dunkles Geraune betreiben will: Ich kann mir gut vorstellen, dass Wulff so aufgebracht war, weil er noch mehr Enthüllungen befürchtete. Seit über einem Jahr kursieren in Berlin Gerüchte über das Vorleben gewisser beteiligter Personen, die bisher nicht veröffentlicht wurden, weil die Abwägung von öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrechten eher dagegen spricht – nicht, weil sie nicht zu beweisen wären. Vielleicht hatte Wulff Angst, dass es sich die Bildzeitung anders überlegt hat.

P.P.S.: Wie wollte Wulff eigentlich als Ministerpräsident mit seinem Jahresgehalt von 152.400 Euro den Unterhalt seiner jetzigen und seiner vorherigen Familie bestreiten und dabei noch in fünf Jahren 500.000 Euro plus 4% Zinsen ansparen? Gut, auch seine Frau ist berufstätig, trotzdem muss da ja einiges an Geld zusammenkommen. Und wenn er nennenswert Vermögen hat: Warum hat er das dann nicht eingebracht?

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Das Elend des deutschen Sportjournalismus

Katrin Müller-Hohenstein und Otto Rehagel

So sieht es aus, wenn Katrin Müller-Hohenstein arbeitet. Foto: Karl-Friedrich Hohl via CC BY 3.0

Wer am vergangenen Samstag das Sportstudio im ZDF gesehen hat, hat viel gelernt: Dieter Hecking war mal Polizist. Dieter Hecking hat ein paar Talente entdeckt, die jetzt fast alle woanders spielen. Und Dieter Hecking kann diese Talente auf Fotos erkennen. Sonst gab es nichts Berichtenswertes. Keine deutschen Top-Schiedsrichter, beispielsweise, die der Steuerhinterziehung im großen Stil verdächtigt werden. Das ZDF schaffte es tatsächlich, diese Affäre, die die ganze Woche geschwelt hatte, mit keinem Wort zu erwähnen. Vielleicht bin ich ein romantischer Idealist, aber von einer Sportsendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarte ich, dass sie so ein Thema aufgreift und vertieft, gerne mit ein wenig eigener Recherche. Um so eine Erwartung noch zu haben, dass merke ich mehr und mehr, muss man aber tapfer all die kleinen und großen Grausamkeiten ignorieren, die der ZDF-Sportredaktion immer wieder einfallen.

Beispiel gefällig? Wie wäre es mit dem Pokalspiel BVB – Dynamo Dresden, als irgendein ZDF-Redakteur anscheinend den Einfall hatte, dass es da ja noch Wolf-Dieter Poschmann gibt; einen Mann, der ungebremst von jeglicher Sachkenntnis herrlich sinnlos-dadaistische Satzgirlanden bastelt. Oder, wie es Peter Körte hier schon sehr schön aufgeschrieben hat:

Er ist ja einer, der immer nur sagt, was auch jeder sieht, der nichts vom Spiel versteht; und wenn er etwas sagt, was auf so etwas wie einer Analyse, einer Reflexion beruht, dann ist es garantiert falsch, was jeder sieht, der auch nur ein bisschen von Fußball versteht. Aber lassen wir die Phrasen beiseite, so wie er „das Bällchen laufen lassen“ will; dem Mann ist es nun mal nicht möglich, einen floskelfreien Satz zu formulieren.

Als die Dresdner Fans anfingen, sich daneben zu benehmen, begann Poschmann das freie Assoziieren und landete irgendwann beim Höhepunkt seiner geistigen Ergüsse: „Wer mal mit ihnen diskutiert hat, weiß, dass es da keine gemeinsame Argumentationsebene gibt.“ Ich hätte es nicht schöner sagen können; auch wenn ich davon ausgehe, dass Poschmann das Gefälle anders einschätzt als ich.
Damit könnte es gut sein, wenn das der einzige Eintrag im Sündenregister des ZDF wäre. Leider musste man während des Pokalspiels aber gar nicht lange nach dem nächsten suchen: Katrin „Was mache ich hier eigentlich“ Müller-Hohenstein. Sie ist der personifizierte Fan, der es über die Absperrung geschafft hat. Jetzt steht sie mit großen Augen auf der anderen Seite und weiß nicht, wohin mit sich. Unter einem Gespräch versteht KMH das bedingungslose Anwanzen an ihr Gegenüber. In ihrer naiv-freundlichen Harmlosigkeit ist sie die perfekte weibliche Antwort des ZDF auf die ARD-Duz-Maschine Waldemar Hartmann (warum der immer noch eine eigene Sendung hat, wäre noch so ein Thema). Und bei der Gelegenheit hätte ich gerne noch gewusst, welche Drogen der Mensch genommen hat, der sich das hier ausgedacht hat.

Besonders angehimmelt wird immer Oliver Kahn. Und überhaupt: Oliver Kahn? Als Experte? Hallo? Der Mann, der nichts anderes im Programm hat als die uralte Nicht-Weisheit „Die Spieler müssen Gras fressen“, nur dass er sie in etwas längere Sätze packt und dann mühsam zwischen den Kiefern hervorpresst. Taktische Erkenntnisse kann man von ihm nicht erwarten.

Nur leider auch von niemand anderem. Oder kann mir irgendjemand ein relevantes deutsches Medium nennen, in dem ernsthaft über Fußballtaktik reflektiert wird? In dem wirklich erklärt wird, warum eine Mannschaft ein Spiel verloren und die andere gewonnen hat? Und ich meine wirkliche Erklärungen, nicht irgendwas in Richtung „Podolski war schlecht drauf“ oder „Kaiserslautern zeigte zu wenig Einsatz und enttäuschte auch spielerisch“. Woanders, beispielsweise in England, bekommt man deutlich mehr geboten, siehe beispielsweise die Website des Guardian, wo auch Jonathan Wilson auf brillante Art und Weise die Feinheiten des Fußballs erklärt. In Deutschland gab es bei Spiegel Online mal eine Weile die Kolumne Fast alles über Fußball, die zumindest in die Richtung ging und im Fernsehen Jürgen Klopp, viel mehr war und ist da nicht. Selbst der Sportteil der von mir hochgeschätzten Süddeutschen Zeitung schreibt zwar immer sehr unterhaltsam und durchaus erhellend über Sportereignisse, aber in die Tiefen der Taktik steigt man auch dort nicht ein. Wer das will, muss auf private Angebote ausweichen: zonalmarking.net ist wohl die absolute Referenz, für den deutschen Leser gibt es spielverlagerung.net (die es in abgespeckter Version immerhin auch hin und wieder auf 11freunde.de schaffen).

Gut, man kann argumentieren, dass das etwas für Freaks ist, aber im deutschen Sportjournalismus fehlt es oft noch an etwas viel Grundlegenderem: dem Journalismus nämlich. Gemeint ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Objekt der Berichterstattung. Die meisten Sportjournalisten machen reine Ergebnisberichterstattung und betrachten Sport bloß als Unterhaltung; vor Großereignissen drehen sowieso alle regelmäßig durch. Ganz wenige nur beschäftigen sich dagegen mit kritischen Themen, mit Korruption in der Fifa beispielsweise, der bereits genannten Affäre rund um die deutschen Schiedsrichter, Doping im Fußball oder anderswo – und das ist erst der Anfang einer langen Liste. Hier muss man vor allem die Süddeutsche Zeitung und dort besonders Thomas Kistner (von dem ich den Satz von den Fans, die es über die Absperrung geschafft haben, geborgt habe) lobend erwähnen, außerdem Jens Weinreich und sein fabelhaftes Blog, Herbert Fischer-Solms und Grit Hartmann vom Deutschlandfunk und noch einige andere mehr, die ich hier nicht alle nennen kann und will – es bleibt aber eine verschwindend kleine Minderheit. Ansonsten ist der Sportjournalismus auf fast allen Ebenen geprägt von Recherchefaulheit und Kumpanei zwischen Berichterstattern und denen, über die sie berichten sollen. Und immer ganz vorne dabei und bestens vernetzt: die Kollegen von der Bild-Zeitung, denen der Großteil der Meute wild hinterherläuft. Und das, liebe Kinder, ist das Elend des deutschen Sportjournalismus.

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Der Tüv als Wiederholungstäter

Der Tüv Süd hat wieder zugeschlagen: Einer Zehn-Euro-Wetterstation, die bei Lidl käuflich erworben werden kann, bescheinigt er eine zuverlässige Viertagesvorhersage. Dabei macht das Gerät nichts anderes, als Außentemperatur, Luftdruck und die Innentemperatur sowie die Luftfeuchtigkeit innen zu messen. Daraus wird dann eine Viertagesprognose entwickelt. Der Ansatz ist ziemlich bescheuert drollig: Sämtliche Wettersatelliten und teuren Computersimulationen wären überflüssig, wir messen einfach die Luftfeuchtigkeit in unserer Wohnung und wissen Bescheid. Das hätte einen prima Nebeneffekt: Wenn ich das Gerät aus der Waschküche in die Sauna trage, wird das Wetter besser.

Wer übrigens meint, dass das nur ein Ausrutscher des Tüv ist und der ansonsten nur ganz tolle Sachen macht, dem sei gesagt: Die unterschiedlichen Tüvs haben schon später geplatzte Silikonbusen, dubiose interessante Finanzprodukte und einige andere Kuriositäten zertifiziert. Genaueres haben Nils Klawitter und ich vor einiger Zeit schon im Spiegel aufgeschrieben (hier als PDF erhältlich), aber man scheint beim Tüv nicht dazuzulernen.

P.S.: Zu dem Spiegel-Artikel habe ich noch sehr viel feines Material zum Thema dubiose Finanzprodukte, was ich längst schonmal hier aufschreiben wollte. Ich hoffe, ich komme mal dazu.

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Blöder geht’s immer

Wenn man mir auf’s Knie haut, zuckt das Bein nach vorne. Das passiert einfach, ohne dass ich drüber nachdenken muss – ein Reflex eben. Bei Hans-Peter Uhl ist das so ähnlich: Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, dann schreit er: „Vorratsdatenspeicherung!“ Auch das ist ein Reflex, der ohne Nachdenken zustande kommt – zumindest ist das noch die für Herrn Uhl schmeichelhafteste Annahme. Die Opfer sind nach den schrecklichen Attentaten in Norwegen noch nicht begraben, da stellt sich dieser sogenannte Innenexperte von der CSU schon vor das nächstbeste Mikrofon und verkündet sinngemäß, dass man solche Attentate ganz prima mit der Vorratsdatenspeicherung verhindern könne, deswegen müsse die jetzt ganz schnell kommen und bis auf diese dusselige Justizministerin würden das ja auch alle einsehen.

Wie bitte?

Entweder Hans-Peter Uhl versteht die Vorratsdatenspeicherung nicht, oder ihm ist jedes noch so geschmacklose Argument recht, diese durchzuboxen. Erstens einmal gibt es in Norwegen seit kurzem die Vorratsdatenspeicherung, trotzdem ist etwas passiert. Zweitens: Wie soll das funktionieren? Bei der Vorratsdatenspeicherung werden, wie ja der Name schon sagt, Daten auf Vorrat gespeichert. Sie kommen also auf einen großen Haufen und werden, wenn es einen konkreten Anlass oder Verdacht gibt, durchforstet. Es werden keine Gesprächsinhalte aufgezeichnet, nur Verbindungsdaten. Wenn der Mann also seine Oma angerufen hätte, um ihr stolz zu erzählen, was er vorhat, dann wüssten wir jetzt, nach der Tat, also, dass er seine Oma angerufen hat. Mehr nicht. Und blöderweise hat der ja nicht einmal seine Oma angerufen oder sonst irgend jemanden, um die Tat anzukündigen (Ganz abgesehen davon, dass die Behörden, wenn sie einmal Verdacht schöpfen, das volle Programm mit Verwanzen der Wohnung, des Autos, des Telefons und wasweißichnochallem durchführen könnten. Vorratsdatenspeicherung? Come on!). Hans-Peter Uhls Vorratsdatenspeicherung müsste also mindestens noch Gehirnströme aufzeichnen und entschlüsseln, damit etwas dabei rumkommt.

Ein zu absurder Vorschlag? Dachte ich auch. Bis ich via lawblog auf Bernhard Witthaut, stieß, seines Zeichens Chef der Gewerkschaft der Polizei. Er möchte Menschen, die auffällige Dinge ins Internet schreiben, “registrieren und identifizieren”, um solche Dinge zu verhindern. Vor Menschen mit so einer Geisteshaltung habe ich mehr Angst als vor jedem Terroristen. Der Attentäter von Norwegen hatte als Ziel, die Gesellschaft zu verändern: Weniger offen, weniger liberal, weniger tolerant und weniger multi-kulturell sollte sie sein. Und während die norwegische Gesellschaft, an der Spitze die höchsten Repräsentanten, in bemerkenswerter Klugheit genau entgegengesetzt reagieren, scheinen Hans-Peter Uhl und Bernhard Witthaut ganz versessen darauf, dem Attentäter diesen Gefallen zu tun.

Da ist es doch schön, wenn man kritische Medien hat, die den Politikern und Polizeifunktionären auf die Finger schauen und vor Hysterie und Überreaktionen warnen. Oder aber sie machen es wie Manfred Schermer von der Politikredaktion der „Fuldaer Zeitung“, der sich nicht zu blöd war, sich folgenden Kommentar aus den Fingern zu saugen (zitiert via Stefan Niggemeier):

Bislang waren die Norweger stolz auf ihre offene Gesellschaft. Die Mitte-Links-Regierung mit Regierungschef Jens Stoltenberg an der Spitze hat im Gegensatz zur Regierung im benachbarten Dänemark auf eine liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern gesetzt. Nun muss sie bitter erfahren, wie ihnen ihre Liberalität gedankt wird. So sympathisch eine offene Gesellschaft ist — sie lässt eben nicht nur ihren gesetzestreuen Mitgliedern, sondern auch Kriminellen und Terroristen Freiheiten, die in etlichen anderen Ländern seit den Anschlägen von New York, London und Madrid teils drastisch eingeschränkt worden sind. Offensichtlich nicht ohne Grund. Diesem feigen Terrorpack mit Großzügigkeit zu begegnen, hieße, ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen. Wer diesen Fanatikern versöhnlich kommen will, muss damit rechnen, dass ihm dies als Schwäche ausgelegt und skrupellos ausgenutzt wird.

(Und jetzt ein Tusch für den absoluten geistigen Höhepunkt, Anm. d. Red.:) Der Anschlag auf das Herz des Osloer Regierungsviertels lässt nur einen Schluss zu: Es kann für Europa und auch für Deutschland keine Entwarnung geben. Die Gefahr weiterer Attacken bleibt bestehen – und damit leider auch das Paradoxon, dass wir unsere Freiheit offenbar nur schützen können, indem wir sie beschneiden.

Wir fassen zusammen: Wenn wir die ganzen fiesen Moslems ins Land lassen, sind wir doch selbst schuld, wenn sie uns dann umbringen. Und unsere Freiheit behalten wir am besten, indem wir drauf verzichten. Ich bin mir sicher, Manfred Schermer würde sich mit den Herren Uhl und Witthaut gut verstehen.

Nachtrag: Man hätte auch so reagieren können wie Harald V, König von Norwegen:

„I remain convinced that the belief in freedom is stronger than fear. I remain convinced in the belief of an open (Norwegian) democracy and society. I remain convinced in the belief in our ability to live freely and safely in our own country.“

Aber dazu muss man vermutlich deutlich weiser sein. Oder Norweger.

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…das war ’ne Show…

Ich muss zugeben, ich musste ziemlich schlucken, als ich nach dem dienstäglichen Hallenfußball-Kick mein Handy einschaltete und sah, mit welcher Aufstellung Schalke gedachte, in San Siro anzutreten: Matip in der Innenverteidigung? Papadopoulos als einziger Sechser, davor Baumjohann, Jurado und Farfan? „Da wird Eto’o aber Spaß haben“, meinte mein Mitspieler Clemens ob der offensiven Aufstellung und des jungen Matip im Abwehrzentrum. Zwar musste ich Ralf Rangnick zu Gute halten, dass er keine andere Wahl hatte – was auch mal wieder zeigt, wie kurios dieser Kader komponiert ist: Gefühlte 50 Spieler, aber kaum verletzen sich ein zentraler Mittelfeldspieler und ein Innenverteidiger, hängen wohl und Wehe an zwei 19-Jährigen. Dennoch machte ich innerlich schon einen Haken an das Spiel und hoffte einfach nur, dass es keine Blamage werden würde, damit all der Hohn und Spott, den ich über die Bayern-Fans unter meinen Freunden ergossen hatte, nicht doppelt und dreifach zurückkommen würde.

Dass es anders kam, ist bekannt. Schalke zeigte eine Leistung, die ich dieser Mannschaft nie zugetraut hätte. Manuel Neuer hielt – man muss es schon sagen – gewohnt sensationell, Höwedes und Matip bekamen nur ganz selten Schwindelgefühle von Eto’o verpasst, Papadopoulos räumte rustikal fast alles ab, was auf ihn zukam und davor zeigte Alexander Baumjohann eine überragende Leistung, die schon die Frage aufkommen lässt, warum Magath den nur in der vierten Liga eingesetzt hat. Auch Edu spielte für seine Verhältnisse sensationell, von Farfan und Raúl erwartet man solche Auftritte ja auch schon fast.

Auch taktisch war es eine Meisterleistung von Ralf Rangnick. Ich will nicht sagen, dass man unter Magath nicht gewonnen hätte – was eh alberne Kaffeesatzleserei ist -, aber ich glaube nicht, dass man mit derart viel Offensivgeist und Risikobereitschaft aufgetreten wäre. Das ist erstens einfach die Philosophie von Rangnick, gegen Inter war es aber besonders wichtig: So konnte viel Druck von der eigenen umformierten Hintermannschaft genommen werden und Inters ebenfalls umformierte und ohnehin wacklige Abwehr schön zerlegt werden. Außerdem wurde früh gepresst, was dazu führte, dass die Gastgeber ihre Offensivspieler Eto’o, Milito und Sneijder nur selten in gefährliche Positionen bringen konnten.

Hinzu kam allerdings auch, dass Inter teilweise grottenschlecht verteidigte und nach dem 2:3 das Fußballspielen einfach einstellte. Kein Aufbäumen, kein Kampf, kein bedingungsloses Attackieren. Der Sieg von Schalke war so oder so absolut verdient, auch – und das ist das Verrückte – in dieser Höhe.

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Arbeiterführer reloaded

Steinbrück in Hilden, 1.5.2008

Wird er Kanzlerkandidat? (Bild: Jakub Szypulka via Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Weil gerade alle Welt über den möglichen Kanzlerkandidaten Steinbrück schreibt, erlaube ich mir ganz bescheiden, mal wieder einen Text hervorzuholen, den ich im vergangenen Oktober über das Thema geschrieben habe und in dem – mal ganz unbescheiden festgestellt – im Wesentlichen das steht, was jetzt dann auch viele andere Medien schreiben. Anlass war damals der erste öffentliche Auftritt von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier nach der Nierenspende an seine Frau. Folgendes textete ich also damals:

Er sieht gesund und gut erholt aus, aber das kann nicht über seine zentrale Schwäche hinwegtäuschen: Steinmeier ist, das versichern mir Journalisten, die lange mit ihm zusammenarbeiten, hochkompetent und hochseriös, ein absolut fähiger Politiker. Als er aber damals bei der Vergabe von Politiker-Talenten in der Schlange für diese Fähigkeiten anstand, brauchte er so lange, dass danach rhetorisches Geschick und Charisma ausverkauft waren. Der Mann mag kluge Gedanken haben, aber er bringt sie mit einer Dynamik an den Mann, dass Rüdiger Hoffmann dagegen wie ein zappeliges Energiebündel wirkt. Steinmeier redet selten frei, er liest ab und das auch noch besonders langsam.

Peer Steinbrück hat das vermutlich anders gemacht damals: Er hat sich erst eine dreifache Portion Ego abgeholt und sich dann in den Schlangen für Sachverstand und rhetorisches Geschick vermutlich rüde vorgedrängelt, einen seiner gefürchteten schnoddrigen Sprüche rausgehauen und ist dann hochzufrieden abgedampft. Im Vergleich mit Steinmeier wirkt der Ex-Finanzminister dank seines Talents zur freien Rede deutlich authentischer; klar, einfach und direkt reden konnte er ja schon immer. Das scheint bei vielen Leuten anzukommen, Steinbrück wird längst als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt: „Ich wünsche mir sehr, dass sie wieder eine wichtige Rolle in der Politik einnehmen“, sagt eine Zuschauerin. „Sie wollen mich doch wohl nicht umbringen“, antwortet Steinbrück.

Da mag einiges an Koketterie dahinter stecken, aber wohl nicht nur. Steinbrücks direkte Art ist nämlich auch eine seiner größten Schwächen: Er schafft es nur selten, sich mal auf die Lippe zu beißen und die Zunge zu zügeln, seine Ungeduld ist legendär. Wollte er wieder vorne in der SPD mitmischen, müsste er sich hier und da gewaltig zurücknehmen. Auch bei den Genossen ist nicht vergessen, dass sie es nicht immer leicht mit ihrem Finanzminister hatten, der die Basis lieber überfuhr als überzeugte. Das spräche gegen eine Kanzlerkandidatur Steinbrücks.

Allerdings ist schwer vorstellbar, dass ein Mann mit seiner Energie und seinem Ego auf Dauer damit zufrieden ist, durch Diskussionsveranstaltungen zu tingeln. Zumal die möglichen SPD-Alternativen im Vergleich arg fad (Steinmeier) oder hallodrimäßig (Gabriel) daherkommen.

Inzwischen erlaube ich mir als Ergänzung die bescheidene Frage, wozu die SPD 2013 überhaupt einen Kanzlerkandidaten brauchen wird, wenn sie nicht mal bei all dem, was sich die schwarz-gelbe Regierung derzeit so leistet, an die 30% herankommt. Als Zählkandidat wird Steinbrück bestimmt nicht antreten wollen.

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Da könnt‘ ja jeder kommen – Journalisten und das Web 2.0

Obwohl wir in unserer Wohnung theoretisch ein Arbeitszimmer haben, sitze ich mit meinem Laptop oft am Wohnzimmertisch. Das hat den Vorteil, dass ein Sofakissen greifbar ist, wenn sich mein Kopf mal wieder unaufhaltsam und rasend schnell der Tischplatte nähert. Anlässe dafür gibt es viele, den jüngsten liefern die Vertreter der Hauptstadtpresse, die sich in der Bundespressekonferenz (BPK) versammeln.

Seit einiger Zeit hat nämlich Regierungssprecher Steffen Seibert einen Twitter-Account, den er auch fleißig benutzt. Und, freuen sich die Journalisten über diesen neuen Informationskanal? Nun ja. Thomas Wiegold, selbst BPK-Mitglied, hat in seinem Blog einige wunderschöne Fragen der Journalisten dokumentiert, aus denen Freude und Fachkenntnis gleichermaßen hervorquellen (Streng genommen, hat er selektiert, das gesamte Protokoll findet sich hier. Und ich trete nun als Meta-Selektierer auf). Im Folgenden ein paar hübsche Auszüge – die Antworten des Vize-Regierungssprechers Christoph Steegmans sind teilweise großes Kino:

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu werden? Ich beziehe mich konkret auf die Ankündigung des Regierungssprechers, dass die Bundeskanzlerin in die USA reist.

SRS DR. STEEGMANS: Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel. Ich glaube nicht, dass wir bislang Ihnen gegenüber mit Informationen geizig gewesen sind und dass jemand, der von Ihnen an eine Information herankommen wollte, am Ende überrascht wurde, dass wir irgendwelche anderen Kanäle bevorzugt bedient hätten. Als professioneller Kunde unseres Hauses gehen wir natürlich davon aus, dass Sie alle bei Twitter eingeloggt sind. Sagen wir es umgekehrt: Wir fänden es nicht schlecht, wenn Sie bei uns Kunde wären.

ZUSATZFRAGE: Diese Twitter-Nachrichten haben einen Nachrichtenwert. Sie sind auch durchaus schon in Mitteilungen aufgegangen. Der Nachrichtendienst Twitter ist nicht sicher. Ich habe vorhin im Internet nachgeschaut. Es gibt zahlreiche Beispiele für Fälschungen von Schauspielern, so Beispiel Martina Gedeck bis hin zum Dalai Lama. Kann ich davon ausgehen, dass das, was dort getwittert wird, wirklich sicher ist? Das kann ja durchaus Folgen haben. Wenn es mir gestattet ist, darf ich einen Satz des ehemaligen Bundesinnenministers zitieren, der in einem Interview sagte: „Wer mit Twitter seine stündlichen Bewegungen der Öffentlichkeit mitteilt, kann nicht erwarten, dass der Staat ihn vor der Erstellung von privaten Bewegungsprofilen schützt.“ Es ist also auch eine Frage der Sicherheit. Ist die Sicherheit in diesem Fall gewährleistet?

SRS DR. STEEGMANS: Das, was technisch möglich ist, haben wir gewährleistet. Wir wissen um die Risiken des Internets. Sollte irgendjemand Zweifel haben, ob eine Twitter-Nachricht des Regierungssprechers echt ist, empfehle ich einen kurzen Anruf beim CvD. Grundsätzlich ist unsere Erfahrung, dass dieser Twitter-Dienst sehr gerne angenommen sind. Da wir nicht nur ein Presseamt, sondern auch ein Informationsamt der Bundesregierung für alle Menschen in Deutschland sind, hielten wir es für richtig, diesen Weg zu wählen.

[…]

ZUSATZFRAGE: Die Frage ist: Kann es sein, dass außer über Twitter über diese USA-Reise im Juni nirgendwo berichtet wurde? Das ist ja eine andere Qualität. Wenn Herr Seibert twittern will, weil er Zeit hat, ist das alles gut und schön. Aber das geht ja bis hin zu der Frage, wozu man dann noch Chefs vom Dienst braucht, wenn Herr Seibert die Termine twittert.

SRS DR. STEEGMANS: Sie wollen doch in Wahrheit wissen, ob es eine Benachteiligung ist, dass eine Information möglicherweise statt über den CvD-Verteiler über Twitter herausgegangen ist. Nein, diese Auffassung teilen wir nicht.

[…]

FRAGE: Ich möchte meine Einschätzung dazu in eine Frage kleiden, die in die gleiche Richtung der Frage geht: Es ist schon eine wichtige Unterscheidung. Wurde im Bundespresseamt geprüft, ob man offizielle Mitteilungen, offizielle Einschätzungen und Mitteilungen über Termine über den Internetnachrichtendienst Twitter oder zeitgleich über die bisherigen Wege per Mail oder per Fax verteilt? Für uns ist per Mail von Vorteil, weil für die Agenturen ‑ in die Richtung geht sicher auch die Frage der Kollegen ‑ schon eine wesentliche Rolle spielt, ob man als Korrespondent täglich 24 Stunden lang den Twitter-Nachrichtendienst verfolgen sollte. Das ist sicher unbenommen so; da haben Sie wahrscheinlich recht. Dennoch: Ist die Informationspflicht des Bundespressamtes sozusagen darüber dann gewährleistet? Oder überlegt man sich, nicht auch in Zukunft die Parallelität sicherzustellen?

SRS DR. STEEGMANS: Was die Parallelität angeht, so bemühen wir uns grundsätzlich immer, den Kreis, von dem wir glauben, dass er unserer Erfahrung nach auf Anfrage oder aufgrund von Gepflogenheiten von uns bedient werden muss, selbstverständlich mit Informationen zu bedienen. Wir denken aber auch, dass es ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen einem Informationsangebot und einer Informationslieferung gibt.

Sie werden es umgekehrt von uns auch kennen, dass wir manchmal Ihnen gegenüber Informationen auf Anfrage herausgeben ‑ beispielsweise telefonisch ‑, den großen Verteiler aber erst in Anspruch nehmen, wenn wir das Informationsangebot auch umfassender zusammengestellt haben ‑ beispielsweise nicht nur Tage, sondern auch Uhrzeiten und Orte nennen können ‑ und Sie anschließend über den großen Verteiler beliefern.

Ich denke, dieses Spannungsverhältnis kann eine Medienlandschaft auch ertragen. Es ist auch nicht so, dass, wenn eine Agentur bei mir anruft und etwas erfragt, ich anschließend von mir aus hingehen und alle anderen Nachrichtenagenturen mit der Begründung anrufen und sagen müsste: Aus Gründen der Chancengleichheit müsst ihr über die Information, die der Kollege XY gerade abgefragt hat, natürlich auch informiert sein.

Ich glaube, es würde Ihnen auch nicht umgekehrt gefallen. Ich finde, dass wir deshalb gut beraten sind, dass diejenigen, die sich für Twitter interessieren, Twitter abonnieren, dass diejenigen, die glauben, dass es für eine solide Information ausreicht, auf die E-Mail-Verteiler des Bundespressamtes zugreifen, selbstverständlich nur dort angemeldet sein können und dass diejenigen, die es vorziehen, über die Informationen, die wir aktiv von uns aus versenden, minutiös auf dem Laufenden zu sein und ihrer Praxis weiter frönen und per Telefon fragen, ob es etwas Neues gibt. Wir werden dafür bezahlt. Wir machen das gerne.

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, als älterer Mensch, der mit diesen neumodischen Kommunikationsformen nicht so vertraut sind, eine grundsätzliche Frage: Hat es irgendwann einmal vonseiten des Bundespressamtes einen Hinweis darauf gegeben, dass nun auch über Twitter wichtige Informationen verbreitet werden und man sich möglicherweise als Kunde oder Follower ‑ ich weiß nicht, wie das dort heißt ‑ anmelden müsste?

SRS DR. STEEGMANS: Meinem Kenntnisstand nach ja. Ich reiche aber gerne nach, ob Sie auf dem Verteiler waren. Ich bin mir sehr sicher, dass wir es schon allein aus Eigeninteresse gemacht haben.

[…]

FRAGE: Abweichend von der normalen Praxis, kann ich Sie einfach darum bitten, in Ihrem Amt vielleicht noch einmal die verschiedenen Aspekte prüfen zu lassen, die damit einhergehen? Denn wenn man diese Kommunikationswege geht ‑ da schließe ich mich sicherlich den anderen Agenturkollegen an ‑, dann greift das tief in unsere Arbeitsabläufe ein. Wenn es da ein Sicherheitsproblem gibt, dann hilft der Hinweis „wenn Sie Zweifel haben, können Sie ja anrufen“ uns als Agenturen nicht weiter. Denn wenn das eine autorisierte Verbreitungsquelle des Bundespresseamtes ist, dann werden wir „zuschlagen“, und dann werden wir im Zweifelsfall auch mit einer falschen Meldung „zuschlagen“. Das kann nicht im Interesse Ihres Ministeriums sein. Da berufe ich mich ausdrücklich auch auf das, was der Kollege zur Sicherheitsfrage gesagt hat. Ich denke, man sollte dazu sicherlich die verschiedenen Aspekte nachuntersuchen.

SRS DR. STEEGMANS: Sie wissen aber auch, dass nicht einmal ausgeschlossen werden kann, dass auch Internetseiten gehackt werden, obwohl dort unsererseits auch sehr viel Aufwand getrieben wird, um das sicherzustellen?

ZURUF: (ohne Mikrofon; akustisch unverständlich)

SRS DR. STEEGMANS: Das stimmt. Ich nehme die Anregung auch sehr gerne mit. Was die Zuverlässigkeit der Technik angeht, kann ich von hier aus jetzt keine abschließende Bewertung vornehmen. Was die Zuverlässigkeit der Information angeht, habe ich einen einfachen Weg aufgezeigt, wie man da auf der sicheren Seite sein kann. Ich glaube, dass auch in einem sehr schnellen Nachrichtengeschäft die zwei Minuten für ein Telefonat allemal noch drin sind.

[…]

FRAGE: Offen ist ja noch die Frage, ob die Sicherheitsanforderungen überprüft wurden. Hat Herr Seibert das gemacht, weil er ein junger tougher Typ sein will? Wurde das durch diesen ganzen BND-, BKA- und sonstigen Apparat „durchgerattert“, und am Ende stand, das können wir machen, da können wir auch Regierungs-, Kanzlertermine herausgeben, das ist eine sichere, seriöse Quelle, oder ist das einfach nur mal aus Lust und Laune heraus erfolgt?

SRS DR. STEEGMANS: Die technischen Abläufe, soweit wir die Informationen von unseren Geräten aus einspeisen, sind so weit sicher, dass wir sichergehen können, dass nicht irgendwie umgekehrt, während wir Informationen einspeisen, fremde Daten in unser Netz gelangen. Das ist die Sicherheitstechnik, die sich in unserem Zuständigkeitsbereich befindet.

Dann haben wir die Sicherheitstechnik, über die die Informationen auf die Nutzermasken kommen. Diese Sicherheitstechnik befindet sich per definitionem nicht in unserem Zugriffsbereich. Da auch Staatsoberhäupter anderer Staaten diese Technik nutzen, ist es, glaube ich, ein eingeführtes politisches Medium. Da wir die Einführung dieses Mediums für uns vorbereitet haben und wir in dieser Vorbereitungsphase nicht auf eine offenkundige Anzahl von Missbrauchsfällen mit unabsehbaren Folgen gestoßen sind, glaube ich, dass man ein solches kommunikatives Medium auf jeden Fall nutzen kann.

Es ist ein interessantes Bild, dass einige Journalisten sowohl von der „neuen“ Technik als auch von der Arbeitsweise der Bundesregierung und des dazugehörigen Apparats haben. Warum bitte sollen BND oder BKA den Twitter-Account des Regierungssprechers überprüfen? Ich verrate euch jetzt mal was: Anders als über die Poststelle kann darüber niemand Bomben ins Kanzleramt schicken.

Und noch ein technischer Hinweis, liebe Kollegen: Ihr müsst keine Twitter-Follower, -Abonnenten, -Jünger oder wie immer ihr es nennen wollt, werden. Man kann die Tweets von Herrn Seibert als RSS-Feed abonnieren. Vielleicht bittet ihr einfach einen lieben Techniker eures Hauses, das in euren E-Mail-Eingang zu pipen. Oder vielleicht doch besser es ausgedruckt per Hauspost zusenden zu lassen.

(Nachtrag: Dier Autokorrektur-Funktion in WordPress kennt Twitter übrigens auch nicht…)

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